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Literatrier

Das edle Handwerk

01-der schreiberIn einer Veranstaltung, besucht von etwa achthundert Schriftstellern und solchen, die es werden wollten oder sich dafür hielten, stellte der Hauptredner fest:
„Ich glaube nicht, dass in diesem Saal mehr als ein halbes Dutzend Herren und Damen sind, die von ihrer Schriftstellerei allein leben können!“
Widerspruch erfolgte nicht; der Mann hatte wahrscheinlich Recht.
Viele Buchverlage, Zeitschriften und Zeitungen, Theater und Lichtspielhäuser bieten ihren Lesern, Hörer und Zuschauer Erzeugnisse ausländischer Gegenwarts-Schriftsteller ohne dass dabei Widerspruch erfolgt.

Haben wir in Deutschland die Fähigkeit verloren, zu dichten, zu erzählen, zu dramatisieren, Drehbücher und Hörspiele zu schreiben?  Gibt es wirklich nur noch ein paar große Schreiber und sonst Talentlosigkeit bei uns?

Immer wenn diese Fragen diskutiert und beantwortet werden - aus weltanschaulichen, philosophischen. soziologischen, literarischen, schöngeistigen, ja physikalischen Erwägungen, kommt das Nächstliegende, Einfachste zu kurz:
Die schlichte Tatsache, dass jedes Schriftstellen ein Handwerk darstellt, das gelernt sein will.

Wer glaubt, Deutschland als „Land der Dichter und Denker“ bedürfe weder des Lehrens noch des Lernens, weil bei uns Schriftsteller naturhaft in Feld Wald und Wiese wüchsen, der sollte nicht klagen, dass unser Land mehr Feld-, Wald- und Wiesenschriftsteller hervorbringt, als andere Nationen.

Bei uns gibt es Hochschulen für Architekten, Bildhauer, Maler oder Musiker - für Schriftsteller gibt es nichts dergleichen (außer einem Institut in Leipzig, das schriftstellerisches Handwerk lehrt).

Gerne werden bei uns insbesondere die Vereinigten Staaten und Russland bespöttelt, weil dort „Dichter-Genies“ gezüchtet würden.

Dabei arbeitet man dort beharrlich und bescheiden daran, jungen Schriftstellern das zu lehren, was lehrbar ist: das kernfest Handwerkliche. In Seminararbeit schaffen sich junge Menschen, angeleitet durch Könner, das Formwissen um alle Gattungen der erzählenden Kunst, des Theaters, des Film, des Funks, des Fernsehens. Sie schreiben Abschnitte und Szenen, lesen sie gemeinsam vor oder führen sie auf. Sie besprechen und erproben sie, bessern gemeinsam an ihnen und erproben die Wirkung vor Gleichstrebenden oder vor Gästen. So lernen sie gleichermaßen wie im Handwerk die Lehrlinge und Gesellen ihre Fertigkeiten entwickeln.

Man sollte also die Hauptgebiete der Literatur ganz praktisch einmal geschlossen nebeneinander behandeln, weil das Dramatische des Theaters für manche Teilgebiete der Erzählkunst fruchtbar werden, weil das Bildhafte des Films in die Funkssprache einstrahle könnte und so fort.

Besonderes Gewicht ist darauf zu legen, dass die Fähigkeiten zu verständnisvollem Lesen, Hören und Sehen geweckt und entwickelt werden.

Dabei sollte der Interessierte sich nicht darauf beschränken, das Sondergebiet besonders zu studieren und zu erarbeiten, das seinen Neigungen und Begabung am ehesten entspricht. Ein Gebiet ergänzt das andere, rundet es ab, vertieft und verdeutlicht es und erhellt so von einer anderen Warte aus wesenhafte Züge.

Um an dieser Stelle jedes Missverständnis auszuschließen: Dichten ist nicht lehrbar!

Zu tüchtigen Schriftstellern aber können es viele bringen wenn sie einigermaßen begabt sind und die Grundzüge des Handwerks beherrschen.

Zum Handwerklichen gehört schließlich noch etwas:
Der echte Handwerker schafft nicht ins Blaue hinein in der stolzen Überzeugung, die Welt hätte auf seine Erzeugnisse gewartet. Vielmehr überlegt er sorgfältig, für wen er arbeitet; darauf richtet er sich ein, wenn er nicht gerade einen bestimmten Auftrag ausführt.

Für den Schriftsteller bedeutet das, dass er sich nicht nur mit der Frage „was“ er schreiben will, sondern auch mit der Frage für „wen“ er schreiben möchte.

Das Argument, man habe sein Herzblut in seine „Dichtung“ strömen lassen, die Welt aber sei unfähig, wahre Dichter und große Schriftsteller zu würdigen, zählt nicht. Auch Dichtung muß „ankommen“, soll also ihren Sinn erfüllen. Ein dichterisches Werk ohne Leser, Hörer oder Zuschauer ist ein Stück durch die Tinte oder Maschinenschrift verdorbenes Papier.

Diese Erwägungen gelten freilich denen als unfein, die aus ihrer Beherrschung von Wort und Satz glauben, die Auffassung ableiten zu dürfen, Überheblichkeit sei ein Wesenszug des guten Schriftstellers. Und sich deshalb verpflichtet zu fühlen, die ihnen nicht folgenden Leser und Hörer niedrig einzuschätzen oder gar zu verachten.

Betrachten wir unter den geschilderten Gesichtspunkten das Schriftstellern als ein Handwerk, das man nicht nur lernen muß, sondern in dem man auch an die möglichen Abnehmer denken soll.

Wenn man Stunden der Freude und der Bedrückung seinem Kopf und Herzen abgerungen und in gepflegte Sprache umgesetzt hat, muss eines Tages in eine kaufmännische Ware verwandelt werden.
Dazu braucht es Verleger, Theater, Filmgesellschaften, Rundfunksender - kurz, es müssen Verträge abgeschlossen werden.

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