Securitate-Nachtrag zum Fall Oskar Pastior: Der rumäniendeutsche Schriftsteller Dieter Schlesak, der den Kollegen zunächst verteidigt hatte, sieht nun Grund zur Annahme, Pastior sei Mitverantwortlich am Selbstmord des Lyrikers Georg Hoprich.
Im September hatte Schlesak, und nicht als einziger, Pastior gegen die Akten in Schutz genommen, die immerhin eine unterschriebene Verpflichtungs-Erklärung gegenüber der Securitate enthielten. Mehrere, die Pastior näher gekannt hatten, ahnten, welche Charaktereigenschaften seine Erpressbarkeit im post-stalinistischen Rumänien begünstigt haben mussten. Sie warben um Nachsicht, zumal keine Akten bekannt waren, die bewiesen hätten, dass Pastior jemandem bewusst Schaden zugefügt hätte. Was weiß Schlesak jetzt besser?
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. November erklärt er – sehr behutsam und allgemein – Pastior zum Mitverantwortlichen am Selbstmord des Lyrikers Georg Hoprich. Die anhaltende Überwachung Hoprichs nach dessen Haftentlassung habe dazu geführt, dass dessen „Gefängnistraumata stets wieder hochkamen“. Ein Securitate-Offizier habe Hoprichs Ehefrau, in die er verliebt gewesen sei, offenbart, dass niemand anderer als Pastior Hauptspitzel gegen Hoprich sei.
Aus welchen Motiven auch immer
Einige Zeilen weiter schreibt Schlesak weise, man dürfe „die Akten niemals als Wahrheitsquelle ansehen“. Sie bestünden häufig nur aus Notizen nach Gesprächen eines Führungsoffiziers mit einem IM, man könne nicht sortieren, was wirklich gesagt worden sei und was der Offizier hinzugefügt habe – aus welchen Motiven auch immer.
Die Aktenlage gegen Pastior besteht zurzeit offenbar aus mündlichen Mitteilungen eines verliebten Offiziers, aus einem Gespräch, das Schlesak mit dem Schriftsteller Hans Bergel geführt hat, sowie aus Notizen des Securitate-Hauptmanns Pestricu. Pestricu hatte auch Schlesak anzuwerben versucht und ihm den Decknamen „Ehrlich“ vorgeschlagen. Schlesak hatte sich nicht anwerben lassen und fand jetzt eine Notiz Pestricus, er, Schlesak, werde auch von dem Agenten Ehrlich beobachtet. Soviel zum Wahrheitsbegriff der Aktenlage.
Es ist trotzdem alles andere als überflüssig, die Akten zu sichten. Es ist aber auch wichtig, nicht auf sie hereinzufallen. Das ist umso schwieriger, wenn man selbst, wie Dieter Schlesak, in empfindlichster Weise betroffen ist.






