Die Aktenlage zeigt das Bild eines allgegenwärtigen Securitate-Netzes, dem kaum lebend zu entkommen war: Doch die Nachricht, dass Oskar Pastior unter dem Decknamen Stein Otto für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet haben muss, erschüttert selbst seine Freunde.
Am liebsten hätte er ohnehin immer hinter dem Sofa gesessen. Bequem, fast unsichtbar, dabei auf seine eigene – zarte, feine – Weise liebevoll lächelnd. Ein Inbild gelebter Humanität.“ So beginnt der Nachruf auf Oskar Pastior, den Martin Lüdke vor vier Jahren für die Frankfurter Rundschau schrieb. Pastior war während der Buchmesse 2006 in Frankfurt gestorben, drei Wochen später wurde ihm postum der Büchner-Preis verliehen.
Wer Pastior kannte, war eigentümlich berührt davon, dass er kurz vor der Verleihung dieses bedeutenden Literaturpreises von unserem Planeten verschwand – umso stärker berührt, weil es irgendwie zu ihm passte.
Was absolut nicht zu dem Bild passt, das Pastior in der Literatur und in seinem Bekanntenkreis hinterlassen hat, ist die Nachricht, dass er unter dem Decknamen Stein Otto für die rumänische Geheimpolizei Securitate gearbeitet haben muss. Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Münchner Universität, wird in Jena im Rahmen der Tagung „Die Securitate in Siebenbürgen“ (24. bis 26. September) einen Vortrag über die Securitate-Akte Pastiors halten; sein Aufsatz „Ich habe Angst vor unerfundenen Geschichten“ ist im Heft 3/2010 der Zeitschrift Spiegelungen (IKGS Verlag, München) erschienen.
Sienerth zeichnet darin, ohne Eifer, ohne Zorn, die Geschichte einer Anwerbung und ihrer Voraussetzungen nach. Am Anfang steht die Deportation eines siebzehnjährigen Rumäniendeutschen in ein sowjetisches Lager – eine Erfahrung, die Pastior zusammen mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller bearbeitet hat, woraus ihr 2009 erschienener Roman „Atemschaukel“ entstand.
Verdächtige Gedichte
Die Aktenlage zeigt das Bild eines allgegenwärtigen Securitate-Netzes, dem kaum lebend zu entkommen war, schon gar nicht, wenn man verdächtig schwierige Gedichte schrieb und andere Schriftsteller kannte. Pastiors Arbeit für die Securitate muss im Sommer 1961 begonnen haben, ein Verhörprotokoll vom 8. Juni markiert die Geburtsstunde des IM Stein Otto. Nur einmal allerdings habe er Informationen über eine Person geliefert; im übrigen sei er, schreibt Sienerth, „eine marginale Erscheinung und vermutlich wohl auch vorwiegend darauf bedacht, durch seine Berichte möglichst niemandem zu schaden“. Gleichwohl sei kein Versuch erkennbar, dem Geheimdienst die Mitarbeit aufzukündigen.
1968 nutzte Pastior eine Reise nach Österreich, um die Bundesrepublik um politisches Asyl zu bitten. Sein seither entstandenes lyrisches Werk enthält keine erkennbaren Spuren von Deportations- und Geheimdienstgeschichten, sondern zeigt ein immer raffinierteres Spiel mit Sprache – weniger mit ihrem Sinn als mit ihren Regeln. Wer will, kann darin eine künstlerische Strategie sehen gegen den Terror der Inhalte, des Verratens, Verdächtigens, Schlagwortsuchens und Durchschauens.
Man kann seine Lyrik auch ganz anders verstehen, nämlich musikalisch, wie es die Sängerin, Komponistin und Performerin Gabriele Hasler und der Komponist und Saxofonist Roger Hanschel getan haben. Das Trio-Album „frösche und teebeutel“ erschien im Herbst 2006 und enthielt Material, mit dem Hasler, Hanschel und Pastior eine Trio-Tournee geplant hatten.
Hasler und Hanschel sind zunächst schockiert von dem Securitate-Vorwurf und bestätigen Lüdkes Beschreibung: Pastior habe am liebsten in seinem Arbeitszimmer gesessen und geschrieben, sonst habe er kaum etwas vom Leben gewollt. Sehr verletzbar sei er gewesen und ganz und gar konfliktscheu, sagt Gabriele Hasler, er habe lieber manches in Kauf genommen, um unbehelligt arbeiten zu können. Diese Eigenschaft hat die Securitate genutzt, ihn in ihren Dienst zu pressen.
Pastiors Verbindung zum Geheimdienst ist ein klassisch tragischer Fall von schuldloser Schuld. Das Entsetzen darüber kann allein einer Diktatur gelten, die sich tief im Leben und im Geist der Gesellschaft und ihrer Mitglieder einnistet. Die Allgegenwart der Securitate in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg, die durch Sienerths Text scheint, gibt reichlich Anlass zu der bangen Frage, wie lange es dauern mag, bis eine Gesellschaft ihren Stoffwechsel geändert und die Diktatur verdaut und ausgeschieden hat. In Rumänien scheint dieser schmerzhafte Prozess gerade zu beginnen.






